Zum Inhalt springen
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel in Buchholz

15. Oktober 2007: Technischen Fortschritt für die Klimapolitik nutzen - Bundesumweltminister Sigmar Gabriel plädierte in Buchholz für mehr Engagement in der Umwelttechnologie

Rund 250 Bürgerinnen und Bürger kamen in die Buchholzer Empore, um Bundesumweltminister Sigmar Gabriel live zu erleben und zu hören, was der Minister über die nationale und internationale Klimapolitik zu sagen hat.
Die Thematik, aktuell und präsent wie nie, mag den ein oder anderen zu spöttischen Äußerungen animieren (Wer allen Ernstes fragt, ob der Minister denn auch mit dem Zug nach Buchholz angereist sei und nicht mit dem Dienstwagen, macht sich verdächtig, an der eigentlichen Thematik kein Interesse zu haben, geschweige denn davon etwas verstehen zu wollen). Gabriel hingegen verstand es, sein Ressort mit großer Ernsthaftigkeit einerseits und enormen Detailwissen andererseits zu vertreten. Das er dabei argumentationsstark agierte und dem Publikum einen plausiblen, engagierten Vortrag bot, charakterisiert den Politiker Sigmar Gabriel. Rhetorische Kinkerlitzchen sind seine Sache nicht. Er spricht Klartext. In seinem Vortrag in Buchholz plädierte der Bundesumweltminister vor allem für ein Umdenken der Industrie unter klimapolitischen Gesichtspunkten. Die in Deutschland eingeführten Umweltstandards führten zu Produktivitätsschüben und erhöhten die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Parallel dazu entwickelte sich ein Markt der Umwelttechnologien, auf dem Deutschland weltweit führend ist. Aber: „Statt diese Chancen auszubauen, statt zu begreifen, dass wir hier mit deutschem Know-How einen Vorsprung ausbauen können, erleben wir immer wieder Angriffe auf engagierten Umwelt- und Gesundheitsschutz“, so Gabriel. Das Erfinden neuer Produkte und Verfahren und ihre Integration in die vorhandene Produktions- und Dienstleistungsstruktur. Das sei Deutschlands Kernkompetenz. „Und exakt diese Kernkompetenz wird gebraucht, wenn wir Ländern wie China, Indien oder Brasilien zeigen wollen, dass wirtschaftliches Wachstum und ein höherer Wohlstand in den kommenden 50 oder 100 Jahren erreichbar sind, ohne dass dabei die Umwelt, das Klima, das Wasser und der Naturhaushalt derart zerstört werden wie in den letzten 50 oder 100 Jahren.“ Gabriel appellierte: „Was wir dafür brauchen ist die Wiederentdeckung der Idee des technischen Fortschritts. Nicht als blinde Fortschrittsgläubigkeit, sondern als Hilfsmittel zur Lösung der gewaltigen Aufgaben, die vor uns liegen.“ Dass Klimapolitik uns alle angeht, unterstrich Gabriel deutlich. Dass der rapide ansteigende Ressourcenverbrauch im Hinblick auf die weiterhin noch rapider anwachsende Weltbevölkerung in die Katastrophe führt, wenn wir nicht sofort gegensteuern, muss allen klar sein. Mit einem Zitat von Bundespräsident Gustav Heinemann von 1972 hatte Gabriel seinen Vortrag begonnen und damit gezeigt, dass die Problematik gar nicht einmal neu ist. Auf einem IG Metallkongress sagte Heinemann: „Wir stehen inmitten stürmischer industrieller Revolution und steigendem zivilisatorischen Wohlstandes in freilich nur begrenzten Bezirken unserer Welt. (…) Was wird das für ein Leben sein, wenn wir so weitermachen wie bisher? Haben wir insbesondere nicht viel zu lange manche Kosten unseres Wohlstandes in den Industrieländern auf die Umwelt abgewälzt, in der wir nun zu ersticken drohen? (…) Wir müssen uns der Frage stellen, ob die Erde nicht in einen katastrophalen Zustand geraten wird, wenn die Bevölkerungsexplosion anhält und wenn die Menschheit die nicht vermehrbaren Naturschätze weiterhin in steigender Beschleunigung so in Anspruch nimmt, wie sie es zu tun im Begriff ist. Das Tempo, das die unsere Luft, das Wasser, die Erde verseuchenden Einflüsse sowie der Abbau lebenswichtiger Rohstoffe angenommen haben, ist erschreckend." Das Ziel der Globalisierung sei Lebensqualität für alle, sagte Gabriel abschließend, und nicht nur Reichtum für wenige. „Und weil das nicht ohne den zum Teil erbitterten Widerstand derjenigen durchzusetzen sein wird, die in Deutschland, Europa und überall auf der Welt zu den Wenigen gehören, geht es eben auch um politische Machtfragen. Um die Begrenzung wirtschaftlicher Macht, um die Rückeroberung des Vorrangs demokratischer Willensbildung vor ökonomischen Einzelinteressen.“
Sigmar Gabriel in Buchholz mit Brigitte Somfleth und Silva Seeler.

Vorherige Meldung: Grundbuchamt Winsen: Fünf verlorene Jahre - Uwe Harden MdL kritisiert Wulff-Regierung

Nächste Meldung: Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt: Prävention und Pflege stärken

Alle Meldungen